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Was ist ein Aktuar

 Unser Leben ist voller Überraschungen. Sind sie erfreulich, nehmen wir sie gerne an.Leider gibt es aber auch Tage, an denen alles schief läuft, man verschläft, verpasst den Zug und verkleckert sich zu allem Überfluss auch noch die neue Hose. Wir alle kennen solche Tage. Neben diesen "kleinen" unangenehmen Überraschungen gibt es Gefahren, die unser Leben, unsere Existenz oder Eigentum bedrohen. Wir werden z.B. schwer krank und können deshalb nicht mehr arbeiten. Aller Fortschritt in Wissenschaft und Technik wird niemals sämtliche Bedrohungen ausschalten können. Der Wunsch nach Schutz und Sicherheit wird immer ein Grundbedürfnis des Menschen sein.

Schon früh schlossen sich Menschen, die sich bedroht fühlten, zu einer Gefahrengemeinschaft zusammen. Ein anschauliches Beispiel sind Bergsteiger, die sich zu einer Seilschaft zusammenschliessen, um gefährliche Strecken sicher zu meistern. Wenn jemand in der Seilschaft einen Fehltritt macht, können ihn die anderen auffangen.

Jede Versicherung funktioniert nach dem selben Prinzip: Die Mitglieder bezahlen regelmässig Beiträge in die gemeinsame, von einer Versicherungsgesellschaft verwaltete Kasse. Wenn das versicherte Ereignis eintritt, wird daraus der Schaden bezahlt. Materielle Entschädigungen werden jedoch menschliches Leid nie aufwiegen können. Versicherungen können lediglich dazu beitragen, die wirtschaftlichen Folgen zu lindern.

Die Aufgabe des Aktuars

Versichern kann man sich nur gegen zufällige Ereignisse. Es gibt keine Versicherung gegen «schlechte Noten in der Schule», da diese nicht vom Zufall abhängen. Zufällige Ereignisse sind aber nicht ganz so unberechenbar, wie man glaubt. Die Versicherungsunternehmen rechnen aus, wie wahrscheinlich es ist, dass ein bestimmtes Ereignis oder ein bestimmter Schaden eintritt. Deshalb gehören auch Mathematik und Statistik zu den wichtigsten Grundlagen der Versicherungen. Die Wahrscheinlichkeitstheorie und die statistische Verarbeitung einer grossen Zahl von Versicherungsfällen machen es möglich, Gesetzmässigkeiten zu erkennen und den Zufall zu berechnen. Diese Berechnungen sind die Aufgabe der Aktuare, der eigentlichen Versicherungsmathematiker.

Bei grossen Katastrophen wie einer Überschwemmung, einem Flugzeugabsturz, einem Erdbeben oder einem heftigen Sturm kann es so weit kommen, dass der Schaden für eine einzelne Versicherungsgesellschaft zu gross wird. Deshalb gibt es Versicherungen für Versicherungen, die Rückversicherungen. Mit ihnen können die Versicherungen ihr eigenes Risiko begrenzen. Rückversicherungen stehen den Versicherungen auch beratend zur Seite, weil sie mit ihrer weltweiten Tätigkeit und Erfahrung mit grossen Schadenereignissen über viele Informationen betreffend Grossrisiken, Katastrophenhäufigkeiten etc. verfügen. Auch hier sind es die Aktuare der Rückversicherungen, die die Vertreter der Versicherungen beraten und unterstützen.

Versicherungs- und Rückversicherungsgesellschaften beschäftigen Fachkräfte aus über 100 Berufen. Die Aktuare arbeiten dabei eng mit einer ganzen Anzahl Berufsvertreter zusammen. Ihre tägliche Arbeit beinhaltet intensive Abklärungen mit Ingenieuren, Aerzten, Aviatikern, Umweltwissenschaftern, Psychologen, Ökonomen usw. Aufgrund dieser engen Zusammenarbeit kreieren die Aktuare auch neue Produkte und Angebote für Gross- und Einzelkunden.

 
Ein Beispiel aus der Welt des Aktuars

Nehmen wir an, ein Versicherungsunternehmen habe 100 000 Autofahrer in ihrem Bestand, die bei ihr eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen haben.
Haben Sie sich schon mal überlegt, wie diese Versicherungen die Höhe der Prämien bestimmen soll?

Wir benötigen eine Statistik, der wir den durchschnittlichen jährlichen Schadenbetrag pro Versicherten innerhalb der letzten 5 bis 10 Jahre entnehmen können.

Wir müssen überlegen, wie sich die Schadenlast weiterentwickeln wird. Wir denken dabei an die allfällige Teuerung, an einen vorgesehenen Ausbau der Massnahmen zur Verhütung von Unfällen usw. Wir schätzen, welches die durchschnittliche Schadenlast pro Versicherten im nächsten Jahr sein wird. Dieser Betrag ist die Nettoprämie.

Zur Nettoprämie fügen wir noch einen Zuschlag für Verwaltungskosten und einen Sicherheitszuschlag hinzu, weil wir die durchschnittliche Schadenlast nicht exakt voraussagen können, und erhalten so die Bruttoprämie, die jeder einzelne Versicherte zu bezahlen hat.

Das Gerechtigkeitsempfinden sagt uns, dass es nicht richtig ist, wenn alle Automobilisten die genau gleiche Prämie zahlen müssten. Die Prämie sollte möglichst nach dem Risiko abgestuft werden. Welche beobachtbaren Kriterien (Wagentyp, Hubraum etc.) sagen etwas über das Risiko aus und wie sollen sie in die Prämienberechnung einfliessen? Wie können selbst nicht beobachtbare Merkmale (Temperament, Fahrerfahrung etc.), die Einfluss auf das Risiko haben, indirekt (zum Beispiel durch ein Bonus/Malus-System) berücksichtigt werden? Die Beantwortung solcher Fragen stellt hohe Anforderungen an den Aktuar und setzt gute Kenntnisse der Wahrscheinlichkeitsrechnung und mathematischen Statistik voraus. Hier kommen moderne Methoden wie einfache und multiple Regression, Varianzanalyse, Kredibilitätstheorie etc. zur Anwendung. Dabei hat sich der Aktuar auch mit der technischen Seite der Risiken auseinanderzusetzen.

Wir haben die Prämienberechnung am Beispiel der Autohaftpflichtversicherung geschildert. Sie sind aber in anderen Versicherungsbranchen grundsätzlich die gleichen. In keiner Versicherungsbranche, nicht in der Feuerversicherung, nicht in der Krankenversicherung, nicht in der Lebensversicherung gibt es in Wirklichkeit gleiche Risiken. Überall besteht der Bedarf, die Prämien möglichst den individuellen Risiken anzupassen


Der Aktuar im internationalen Umfeld

Vor allem in den angelsächsischen Ländern hat der Beruf des Aktuars grosse Tradition. Er geniesst daher in Kanada, USA, Australien, England und Südafrika, aber auch in Asien, wie z.B. Japan, einen wesentlich höheren Bekanntheitsgrad als bei uns. In den Schweizer Versicherungsgesellschaften trifft man deshalb immer wieder Aktuare aus diesen Ländern. Umgekehrt stehen Schweizer Aktuaren die Tore zur Welt offen, und jede grosse Versicherungsgesellschaft bietet ihren Aktuaren zahlreiche Möglichkeiten für kürzere oder längere Versetzungen ins Ausland.

Aufstiegschancen

Da der Markt für Aktuare ein Markt der Zukunft ist, wird die Nachfrage nach gut ausgebildeten Vertretern immer mehr zunehmen. Sie haben daher alle Möglichkeiten und können in einem Team von Aktuaren arbeiten oder Leiter eines nationalen oder kontinentalen Marktes oder einer Fachabteilung werden. Viele Aktuare sind im Kader und der Direktion der grossen Versicherungsgesellschaften, da diese auf das Urteil der Aktuare angewiesen sind und stark auf deren Entscheidungen vertrauen. Neue gesetzliche Grundlagen werden den Markt nach Aktuaren in Zukunft noch vergrössern, da noch in diesem Jahrzehnt jedes Versicherungsunternehmen verpflichtet sein wird, einen Verantwortlichen Aktuar zu beschäftigen, der die Liquidität der Gesellschaft garantieren muss.